Cairns & Townsville

The Open Sea

Australische Gewässer befördern mich seit meiner Ankunft in diffuse emotionale Gefilde. Die wunderschönen, türkisblauen Aussichten auf das Meer, diese dreidimensionale, unbekannte Welt, die einen so großen Teil dieses Erdballs, unseres Zuhauses, umspannt machen neugierig und nervös zugleich. Wie kurios, wenn man bedenkt, dass all die Wasser-Wesen, die dort unten leben, nichts anderes kennen, als ihre Welt. Dass sie sich in alle Richtungen bewegen können, seitlich, nach oben und nach unten und somit so viel mehr Lebensraum zur Verfügung steht, als für uns Menschen hier an Land.

Seit Anbeginn meiner Reise stehe ich dem Meer mit ferner und ehrlicher Bewunderung gegenüber, aus zumeist sicherer Entfernung. Lediglich aus dem Grund, dass die Liste an für den Menschen gefährlichen Tieren, die darin hausen, eine bedeutend lange Liste ist. Und gleichzeitig kitzelte mich auch die Lust, mich in die Fluten zu stürzen und auf Tauchgang zu gehen, um einen kleinen Einblick in diese so andere Welt zu erhaschen. Ich erinnere mich noch an meine Kindheit und meine Liebe zum Wasser — zumindest dem, bei dem man sehen konnte, was sich unter einem befand. Meine Oma bestaunte in Urlauben stets die Tatsache, dass ich wohl lieber Zeit unter als über Wasser verbrächte, Rollen und Drehungen vollführend, den Boden und das Lichtspiel erkundend und immer die Perfektionierung diverser Kunststücke im Auge.

Und nun, an der Küste des Great Barrier Reefs angelangt, stellte sich auch mir die Frage: Wann, wenn nicht jetzt? Und so willigte ich ein, als mir Martino den Vorschlag machte, mit ihm auf eine Schnorchel-Tour auf hohe See zu stechen. $340 später, nachdem wir wortwörtlich die letzten beiden Plätze auf einem Schiff ergattert hatten, brach die “Reefkist” am Vormittag mit 50 Passagieren auf Richtung Osten, wo sie anderthalb Stunden später am Briggs Reef Anker legte. Nach sehr knapper Sicherheitseinführung (alle Passagiere folgten der unausgesprochenen Regel, sich ja nicht nach den Risiken zu erkundigen, eben ganz nach dem Motto: “Solange ich so tue, als gäbe es nichts zu wissen, besteht auch keine Gefahr.”) hüpften wir in unsere Neoprenanzüge, schlüpften in unsere Flossen und zogen Taucherbrille und Schnorchel über und waren bereit, uns ins blaue Nass fallen zu lassen.

Nachdem wir unsere Schnorchel und Taucherbrillen von den ersten Schwüngen Meerwasser befreit hatten und uns einen ersten nervösen Rundumblick verschafft hatten, was da unter uns lag, setzte die Reizüberflutung ein. Unter uns eröffnete sich eine Welt, wie man (oder ich) sie nur aus dem Fernsehen kannte. Zwar nicht so scharf und bunt, wie sie in Attenborough-Episoden zu sehen ist, aber dennoch lebhaft und vielfältig, wie man sich das Great Barrier Reef erwartet. In kleinen Gruppen dümpelten wir in Sichtweite des Schiffes durch’s Wasser, stets 2-3 Meter überhalb des Riffs mit seinen bunten, teils neonfarbenen, Fischen in allen möglichen Größen und Formen. Die Korallen darunter in rosa, gelb, orange, braun und blau, teils harte Gebilde, teils weiche, fliessende Tentakel. 

Und plötzlich löst sich einige Meter von mir etwas großes, braunes vom Meeresboden: Eine Meeresschildkröte von vielleicht einem Meter. Langsam gleitet sich mit einigen Flossenschlägen nach vorn, taucht ihre Schnauze auf der Suche nach Nahrung in eine Felsspalte. Dass mittlerweile drei, vier Schnorchler über ihr im Wasser schweben, scheint sie nicht zu stören. Alle paar Sekunden taucht sie an die Oberfläche, um Luft zu schnappen, um dann wieder weiter über den Meeresboden zu grasen. Welch Anblick! Und als ob das nicht bereits genug gewesen wäre, sehe ich in etwa fünf Metern Entfernung einen dunkelgrauen Riffhai von vielleicht anderthalb Metern über die Korallen gleiten. Auch er ungerührt von der Aktivität der schwarzen Wesen an der Wasseroberfläche verschwindet er kurz später in der Ferne. (Das Foto stammt leider nicht von mir, aber zeigt ganz realistisch, was ich sehen durfte…)

Die Zeit verging wie im Flug und nach einer Stunde hievten wir uns erschöpft an Bord, um uns mit Kaffee und Nahrung zu füllen. Weiter ging es, an ein zweites Riff in einiger Entfernung, wo wir erneut ins Wasser entlassen wurden. Martino rang mir schliesslich die Einwilligung ab, mit ihm über einen tiefen Graben zu einem Felsen zu schwimmen, um dort zu schnorcheln. Hand in Hand und mit pochendem Herzen trugen uns unsere Flossen durch das blaue Nichts. Die Stille, die einen im Meer umgibt, kann beruhigend sein (und das war sie auch bis zu diesem Zeitpunkt), aber sie kann auch gegenteiligen Effekt haben, wie ich schließlich lernen durfte. Wenn man sie nämlich mit kreativen Gedanken füllt wie beispielsweise “Falls sich jetzt aus dem diesigen, blauen Nebel hinter oder unter uns der Korpus eines scharfzahnigen, wendigen Meeresbewohners drückt würden wir das noch nicht einmal bemerken… oder sagen wir: wahrscheinlich zu spät…”. Zu allem Überfluss versagte in diesem Moment auch noch mein Schnorchel, der sich in gefährlicher Schieflage befand und alle paar Sekunden Salzwasser statt Sauerstoff in meine Lungen beförderte. Unbeeindruckt von Schimpfwörtern und Fluchen war er partout nicht grade zu rücken, was mich wiederum in panische Verzweiflung brachte, da ich somit blind für all das war, was unter der Wasseroberfläche geschah. (Glaubt mir, es ist einfach, seine Rationalität einzubüßen, wenn man sich in solch einem neuen Lebensraum befindet, für den man eindeutig nicht gemacht ist.) Sofort befand ich mich in einer schlechten Parodie von “Jaws” oder “Shallow Waters” — ich glaube, ihr alle kennt diese Filmaufnahmen von ahnungslosen Tauchern, die zurückgelassen von ihrem Schiff irgendwo im Meer zwischen kleinen Wellen und Wind herum dümpeln und noch nicht wissen, dass sie eben als leckerer Nachmittagssnack auserkoren wurden. Durch einen kurzen, glücklichen Verstandesblitz schaffte ich es jedoch, mich aus meinen Terror-Fantasien zu befreien und ein paar tiefe (wenn auch mit Salzwasser gespickte) Atemzüge in meinen Brustkorb zu senden und meinem Begleiter zu kommunizieren, dass ich gerade nicht mehr so viel Spaß dabei hätte, so weit entfernt vom Schiff und den anderen Schnorchlern durch’s Nass zu gleiten. Nach wenigen Minuten und erneuter Überquerung des Grabens war ich endlos glücklich, mich auf die Schiffstreppen zu ziehen und frische Luft zu atmen.

Doch mit einem solchen Erlebnis konnte ich meinen Tauchgang natürlich nicht beenden, und so überwand ich mich, nochmals ins Wasser zu springen, in angenehmer Nähe zum Rest der Gruppe versteht sich. Nun, und jetzt wollt Ihr sicherlich Fotos sehen, die ich Euch nicht zeigen kann. Wir waren so beschäftigt, dass wir unser Telefon oder die Kamera links liegen ließen und stattdessen einfach mal mit der aktuellen Realität beschäftigt waren…

Zurück an Land. Unsere Tage in Cairns verbrachten wir spazierend durch den Botanischen Garten, die Innenstadt und den Hafen. Das kostenlose Schwimmbad an der Esplanade war am Spätnachmittag oder Abend stets eine willkommene Abkühlung. Blick auf’s Meer und die Berge hinter uns. Doch besonders viel zu tun gab es nicht, weshalb wir schließlich aufbrachen gen Süden. Cairns sollte der nördlichste Punkt sein, den wir in Australien zu sehen bekommen würden.

Unser nächster Stopp nach einigen Haltestellen an der Küste, wo wir unter anderem den Kasuar aus nächster Nähe betrachten durften, war Townsville. Townsville ist ein Städtchen mit Charme. Zwar auch eines, das um die Mittagszeit wie ausgestorben ist, weil die Bewohner der Mittagshitze entfliehen, aber am Vormittag und am Abend erwacht es zum Leben. Die Küstenstraße und der darum angelegte Park ist wohl eine der schönsten, die ich bisher gesehen habe. Kilometerweit zieht sich die Esplanade, umspannt von grünen Fleckchen, die mit Palmen und anderen großen und kleinen Pflanzen gesäumt sind, unzählige Sitzmöglichkeiten und BBQ-Stellen im Schatten bieten, alle paar Meter Toilettenhäuser und Duschen, am einen Ende ein kostenloser Rockpool mit Meereswasser zum Abkühlen, am anderen Ende ein für Kinder gestalteter, ebenfalls kostenloser Wasserpark, Springbrunnen, Gymnastik-Vorrichtungen, viktorianische Pavillons, Skateparks, Eisdielen, Cafés. Alles, was das Herz begehrt. Von diesem Landschaftsgestalter sollten sich die Europäer wirklich etwas abgucken. Besonderes Highlight waren die Red-Tailed Black Parrots, die sich freudig über die Nüsse hermachten, die von den Bäumen gefallen waren. Zentimeter für Zentimeter näherte ich mich mit meiner Kamera bis auf einen Meter Entfernung. Meine Güte, sind die niedlich!

Einen weiteren Tag verbrachten wir im Museum of North Queensland. Aufgeteilt in 2 Sektionen gab das Museum Einblick in die Geschichte der Pandora (hierzu gleich mehr) und den Naturgebieten der Küste, dem Great Barrier Reef, den Mangroven und den Regenwäldern. Die Informationen zu ersterem Thema waren besonders ausführlich und ich glaube, dass ein Tag eigentlich kaum ausreicht, wenn man jeden einzelnen Absatz und jede Zusatzinformation lesen, die diversen Ausstellungsstücke betrachten und jedes Video und Erklärfilmchen ansehen möchte (wie Martino, der tatsächlich nur den einen Teil des Museums zu Gesicht bekam, da er 5h lang durch die Pandora-Ausstellung wanderte). In Kürze: die Pandora war ein englisches Schiff, welches von der Regierung ausgesendet wurde, um ein anderes englisches Schiff, die sogenannte Bounty, zurück nach England zu holen. Letzteres war in botanischer Mission ursprünglich mit dem Ziel in die Pazifische See gestochen, die sogenannte breadfruit (Brotfrucht, eine einheimische Pflanze) zu suchen und in die englische Heimat zurück zu bringen. Ein Großteil der männlichen Besatzung befand diese Mission jedoch als überflüssig, als sie Tahiti erreichten und sich in die Schönheit des Landes und, nicht weniger wichtig, die Schönheit der Inselfrauen, verliebten. Kurzum setzten sie unter Führung von Fletcher Christian den Kapitän William Bligh und ein paar seiner Begleiter in ein Boot und verbannten ihn auf See. Die Bounty legte schließlich Anker an der Küste und die Besatzung machte sich bereit für ein neues Leben und neue Liebe. Nach Monaten auf See schaffte es Bligh jedoch durch fremde Hilfe zurück nach England, wo zugleich ein neues Schiff, die Pandora, vorbereitet wurde für eine große Rückeroberungs-Reise. Doch als die Pandora schließlich in Tahiti ankam war von der Bounty keine Spur. Diese war indes weitergezogen und hatte ihre Besatzung auf den umliegenden kleinen Inseln verteilt. Die Pandora zog von Ort zu Ort, von Insel zu Insel, aber hatte kein Glück in ihrer Mission. Das größte Unglück jedoch überkam sie, als sie die Meerenge des Torres Strait bei Timor durchqueren wollte und dabei auf das Great Barrier Reef stieß, das mit einem solch großen Gefährt nur schwerlich zu überkommen war — oder eben gar nicht, im Falle der Pandora, die im August 1971 kläglich unterging. Ein Teil der Crew konnte sich auf die vier Boote retten und schaffte es in Teilen zurück an Land und in Teilen sogar nach England. Eine tragische Geschichte, aber durchaus spannend zum Nachverfolgen. Für jegliche weitere Details bitte ich darum, Euch an Martino zu wenden, der sich an jenem Tag einen überaus ausgeprägten Wissensschatz über die geschichtliche Tragödie angeeignet hat.

Nicht so niedlich war die Armee von Stechmücken, die sich in diesen Tagen über mich hermachte und meine Beine in ein blutiges Schlachtfeld verwandelten. Nicht, dass ich mit meinen Extremitäten Schönheitswettbewerbe gewinnen will, aber ich sah tatsächlich aus, als wäre ich Opfer einer schlimmen Krankheit oder hätte wahlweise große Freude an Selbstzerstümmelung. Nachdem ich nun endlich der Verlockung widerstehen kann, die juckenden Stiche wieder und wieder aufzukratzen um meinem Körper ein wenig Entspannung zu bescheeren, heilen die Wunden endlich. Für die kommenden Tage bewaffnete ich mich rechtzeitig mit Insektenspray, um dieser Naturkatastrophe Einhalt zu gebieten..
Und nun geht es gen Süden, hoffentlich in kühlere, entspanntere Gefilde — wo wir hoffentlich bald eine Arbeit finden werden…

Oh, und abschließen möchte ich gerne mit einem Ausblick von dem kleinen Berg namens Castle Hill, der für zwei Nächte zu unserem Campground wurde…

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