Robertson

Cool Bananas!

Nach einem fast 16-stündigen Marathon von Coffs Harbour nach Robertson bogen wir am 29. Januar kurz vor Mitternacht auf die Wallaby Hill Road ab, die uns über kleine Teer- und Schotterstraßen zu unserem nächsten Domizil führte und im Verlauf der nächsten Wochen in den Besitz einiger Talerchen bringen sollte. Zu später Stunde wurden wir von Derek in unser neues Zuhause gebracht, ein separates, sauberes Häuschen auf dem Farmgelände. Glücklich aus unserem fahrbaren 2x2m-Gefängnis ausziehen zu können, würden wir hier endlich wieder Raum zum Atmen und Bewegen genießen können — welch Geschenk!

Nun sind wir bereits seit einigen Wochen hier, mitten im Nirgendwo, eine Stunde von der Küste im Landesinneren, vom nächsten Städtchen gute 30 Minuten entfernt in wunderschöner, grüner Natur. Die Farm von Alex und Derek, deren Aufbau irgendwann in den frühen 2000er begann, umfasst ein großzügiges Stück Land gespickt mit Wiesen und Weiden, eingeschlossen von schwarzen Holzzäunen, kleinen Wäldchen und künstlich angelegten Seen und Wasserreservoirs und zahlreichen kleinen und großen Geräteschuppen oder Unterständen für die Tiere.

Insgesamt leben hier rund 20 Pferde, die von einem etwa 5-köpfigen Team gehegt und gepflegt werden. Darunter fallen medizinische Verpflegung inklusive Kuren und Impfungen, Ausritte in die Arenas oder über’s Land, Schwimmübungen, Huf- und Fellpflege einschließlich ausführlichen Duschen und Bürstenmassagen. Das ganze Pipapo eben. Solch ein Pferd kann, wenn es verkauft wird, auch gern mal bis zu einer halben Million kosten. Dass man da nichts anbrennen lassen darf, versteht sich von selbst.

Doch auch einige andere Vierbeiner tummeln sich auf der Wallaby Hill Farm. Hier wäre der dreibeinige Kater Fred zu nennen, der sich das Privileg erkämpft hat, sein Futter auf dem Küchentisch zu sich zu nehmen, weil es sonst gierig in Sekundenbruchteilen von den Hunden des Hauses vernichtet wird. Da es keine einzelne, verantwortliche Person gibt, die Fred morgens und abends füttert, versucht er sein Glück bei jedem, der die Gemeinschaftsküche betritt. Dann sitzt er unübersehbar und extra-präsent auf der vordersten Tischkante, quakt einem flehend ins Gesicht und tut so, als gingen seine Energiereserven dramatisch dem Nullpunkt entgegen. Wie man auf einem der Bilder unten sehen kann, versucht Fred unablässig Blickkontakt mit Küchenbesuchern aufzunehmen, auch wenn das minutenlanges, beschwerliches Anstarren bedeutet, das meist unbemerkt bleibt und nicht zum gewünschten Erfolg beiträgt.

Die anderen Tiere sind nicht besser. Da wäre zum Beispiel Maggie, Labrador #1, die energisch die Küchentür mit ihrer Nase aufstößt (“Was? Ihr auch hier? Esst ihr etwa gerade?!”). Dann sitzt sie mit großen Augen und feuchter Nase neben Dir und beobachtet Dich (und Dein Essen) mit höchst bewundernswerter Ausdauer. Eigentlich hätte Maggie eine Karriere als Spürhund bevor gestanden, bis sich herausgestellt hat, dass sie nicht alle Anforderungen für diese Rolle erfüllt hat und es ihr an Konzentrationsstärke gefehlt hat, woraufhin sie zur Adoption freigegeben wurde und zu Alex und Derek kam. Auch Sammy, Labrador #2, versucht stets sein Glück während der allgemeinen menschlichen Nahrungsaufnahme, kann aber eben so wenig Erfolge verzeichnen, wie seine Mitstreiterin. Seine Leidenschaft beschränkt sich aber sowieso vielmehr auf das heimliche Einsteigen in Autos, wo er sich dann auf dem Rücksitz niederlässt und den ganzen Tag über’s Gelände dümpelt und den Mitarbeitern eine unfassbar große Hilfe ist. (His spirits keep us going!)
Und dann wäre da noch George, ein schwarzer depressiver Labrador, für den die Welt zusammenbricht, wenn seine Mama Maddie den Tag auf dem fahrbaren Rasenmäher verbringen muss (auf dem kein Platz für ihn ist). Das Tier liegt dann, schwarz wie es ist, im schwarzen, lichtlosen Flur, alle Viere von sich gestreckt und rührt sich keinen Millimeter. Dass ihm das schon einige stolpernde Passanten und Quetschungen eingebracht hat macht nichts. James, Maddies Freund, hat uns erzählt, dass George eigentlich als Zuchthund gedacht war, dass man aber schon recht früh gemerkt hätte, dass er sich nicht sonderlich als reproduktives Material eignet.. Auch er wurde dankend abgegeben.
Und zu guter letzt wäre da noch Louis, der am wenigsten übel riechende Hund des Hofs, dessen Gesicht ein schwarzes Herz ziert und der nichts lieber mag, als einen guten, alten belly rub!

Wir verbringen die Tage mit sehr abwechslungsreichen Aufgaben: Wir streichen kilometerlange Zäune, sammeln Unmengen Holz auf dem Gelände, schneiden tausende Schmucklilien (sie sind überall!), ölen hunderte Sprungstrukturen, räumen die Scheunen auf, bringen Geräte von hier nach da, pflanzen neue Blumen, säubern Arenas und so weiter und so fort. Die Arbeit geht einem nie aus und wir können uns glücklich schätzen, dass wir sie selbst flexibel aufteilen dürfen, will heißen: wir entscheiden, wann wir anfangen und wann wir aufhören, wie viel wir arbeiten und wann wir uns einen freien Tag genehmigen. So macht es das Wetter auch. Dass das australische Wetter extrem ist in beide Richtungen, war uns bewusst und das hatten wir andernorts auch bereits mehr als einmal erlebt. Doch die Temperaturwechsel hier auf der Farm waren tatsächlich auch uns unbekannt. Nach einem Tag voller Sonnenschein, voller Mittagshitze, bei der man sich noch nicht einmal einen guten, entspannten Mittagsschlaf gönnen konnte, kühlte es am Spätnachmittag so sehr ab, dass man sich in Shorts und T-Shirt definitiv eine Erkältung zugezogen hätte. Ein kalter Wind zog auf, es begann zu nieseln, ein Gewitter braute sich zusammen — aber eben nicht so ein nettes, warmes Sommergewitter, sondern ein richtiges. Und so geht es seit Wochen. Mal so, mal so.

Der erste, richtige Einblick in diese Pferde-Welt gab es für uns jedoch vor einer guten Woche bei einem Event, das hier auf der Farm stattfand: die Extravaganza, eine Veranstaltung lediglich gehalten zur Bespaßung der Gäste und zum Netzwerken. Nach mehreren Tagen übermäßiger Vorbereitung (zumindest für ein eintägiges Event), in denen Pavillons, kleine Shops, Cafés und Bars, Küchen, Unterstände mit Bänken und Tischen, Banner und Schilder, Toiletten und Dekoration auf der Farm installiert und angebracht wurden, war am Sonntag dann endlich der große Tag gekommen.

Nachdem ab 5 Uhr morgens riesige Trucks auf’s Farmgelände rollten und die Weiden zu Hunderten füllten, Kaffee trinkend über die gepflasterten Wege spazierten oder sich zu Pferd an die jeweiligen Startpunkte der Parcours begaben, ging es ab 8 Uhr los mit dem Spektakel. Während wir das cross country bloß aus der Ferne beobachten konnten, bei dem die Reiter mit ihren Tieren eine etwa 2 Kilometer lange Strecke mit sogenannten jumps (hölzerne Strukturen aus Holz) abliefen — alles auf Zeit versteht sich — wurden wir beim show jumping als pole runner eingesetzt. Ein circa einminütiger Parcour mit rund 15 Sprüngen, bestehend aus metallenen, schweren Seitenflügeln, auf denen bunt bemalte Holzbalken liegen, die, wenn sie auf dem Boden landen, Minuspunkte beziehungsweise Strafsekunden geben und damit die benötigte Parcourzeit verlängern und das Reiter-Pferd-Duo auf der Rangliste nach hinten schieben. Wenn das passierte, durften wir schleunigst auf’s Feld stürmen, um die Balken wieder auf ihre Träger zu setzen.

Höhepunkt des Tages war jedoch die letzte Veranstaltung, fancy dress, bei der die Reiter sich und ihr Pferd verkleiden und den Parcour als Batman, Teufel, Zebra, Prinzessin oder Burger springen durften. Was für eine Welt.

Es gefällt uns hier. Wir genießen es, mit unseren Quads über’s Gelände zu brettern und Sinn und Freude in den einfachen Dingen des Lebens zu finden, wir sind glücklich zu lernen, wie man fahrbare Rasenmäher bedient und giftige oder gar tödliche Spinnen identifiziert, wir erfreuen uns an den Momenten mit den Leuten und Tieren hier auf der Farm und ja, wir verdienen uns ein paar Talerchen dazu. So muss es ja auch sein!

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Comments (1)

  1. Insa, deine Geschichten über die Haustiere sind grandios 😀
    Die Beschreibungen lese ich am liebsten! Ganz liebe Grüße nach Down Under 🙂