Robertson

Arbeits-Freuden

Das stetige Bedürfnis nach finanzieller Reisegrundlage — also Geld (nennen wir es doch einfach beim Namen), offene Baustellen an unserem Van und der Mangel sinnvoller Reisepläne hat uns schlussendlich doch überzeugt, noch einige Wochen hier auf der Farm zu bleiben und nicht schon Anfang März wieder abzureisen. Schließlich hatten wir auch viel zu tun…

Große Freude bereiten mir (wie bekannt sein sollte) die Tiere am Hof. Nun ja, zumindest die meisten. Vor einer guten Woche wache ich irgendwann gegen 4 Uhr morgens auf, weil ich verdächtiges Geraschel wahrnehme, das — so bin ich überzeugt — nicht von draußen kommt, sondern dessen Ursprung irgendwo innerhalb unserer vier Wände liegt. “Hörst Du das?”, frage ich Martino. “Was?” — “Na, diese Geräusche. Ich glaub hier ist was im Zimmer.” — “Ach was.” — “Ne, ehrlich. Kannst Du mal gucken?” Genervt wirft er die Bettdecke zur Seite, rollt sich aus dem Bett und läuft hinüber zum Schrank, wo ein Großteil unseres Geraffels rum steht, da wir gerade unseren Van ausgeräumt haben, um gut darin arbeiten zu können. “Da ist nichts, Insa!” — Und dann, zwei Sekunden später, voller Überraschung: “Aaaah, doooch! Eine Maus!”
Wer schon einmal einen kleinen, graufelligen Mitbewohner hatte, weiß wie unmöglich es ist, ihn lebend wieder loszuwerden. Gutgläubig, wie wir jedoch waren, nahmen wir an, die Maus würde einfach wieder verschwinden, wenn wir unseren Mülleimer leeren und jegliche Nahrungsquellen vernichten würden. Dem war nicht so.
Am Folgeabend erschien die Maus quietschlebendig plötzlich auf der Lehne unseres Sofa-Betts während wir gerade einen gemütlichen Filmabend genossen. Dieser war dann recht zeitig beendet und ich verkündete unmöglich in unserem Zimmer schlafen zu können und dafür in den Van zurückzuziehen für die Nacht. Martino fand das war ein guter Vorschlag.
Am nächsten Tag packten wir Fred in unser Auto und fuhren ihn bei strömendem Regen in unsere Wohnung weiter hinten auf dem Gelände. Lange Geschichte kurz: nach einer guten halben Stunde voller Hin- und Her-Manövrierens diverser Möbelstücke und dem Einsammeln aller Textilien für einen Waschgang hatte sich Fred einen Mittagssnack erkämpft (oder viel mehr er-wartet) und wir mieteten die Wohnung wieder zu Zweit statt zu Dritt. Seitdem sind wir Fred sehr dankbar.

Seit diesem Win-Win-Erlebnis verbindet uns Drei eine neu gefundene Freundschaft. Fred, Martino und ich verbringen Abend für Abend gemeinsam in der Küche, wo wir zu Abend essen und an unseren Computern wertvolle Zeit vergeuden (und manchmal auch sinnvoll nutzen). Fred hieft sich dann geschickt auf meinen Stuhl um sich eine Streicheleinheit abzuholen. Wenn die nicht ausreicht, dann steigt er auch gern noch ein Level höher auf den Tisch und setzt sich nicht selten zentral zwischen Dich und den Bildschirm — oder wahlweise auch direkt auf die Computertastatur — um ganz sicher zu gehen, dass Du nicht um ihn herum arbeitest. Auf folgenden Fotos sieht man die graduelle Annäherung Freds vom fernen Beobachter bis zum aufmüpfigen Eindringling.

Gestern Nachmittag fand ich ganze 4 Hunde im Innenhof bei den Ställen — allein gelassen wie kleine Kinder. Sammy, der müde und fad in einer Ecke dümpelte und das Treiben mit schwachem Schwanzwedeln nur aus den müden Augenwinkeln beobachtete. Maggie, die mit schwingendem Kopf und wedelndem Schwanz auf mich zugelaufen kam und mich freudig begrüßte. George, der besonders schwierige Zeiten durchmachte, da sein geliebtes Frauchen Maddy 10 volle Tage auf Urlaub fort ist (wie kann sie bloß!) und verständlicherweise entsprechend schwer zu Spiel und Spaß zu motivieren ist. Und zu guter letzt wäre da Scout, ein nach meiner persönlichen Diagnose ADS-kranker Labrador, der regelmäßig vergisst, dass auch seine Energiereserven begrenzt sind — spätestens nach dem 100 Stöckchenwurf. Stöcke und Bälle müssen einen Schalter in Scouts Gehirn umlegen, die dazu führen, dass die Wahrnehmung von Erschöpfungs-Zuständen zeitweise lahmgelegt ist. Anders kann ich mir die Hyperfunktionalität des Tieres nicht erklären.

Eigentlich gab es noch einen fünften Hund — Bear — aber der war im Büro eingesperrt und das war mir gerade recht. Sophie und Ryan, die mit Scout und Bear leben, erklärten bereits bei unserer ersten Begegnung, dass Bear falsch sozialisiert wurde und er weiß Gott wo gelernt hat, zur Begrüßung zu knurren, anstatt freundlich mit dem Schwanz zu wedeln. “He’s very friendly!” Aber wenn dieses riesige, plüschige, schwarze Tier dann knatternd und grummelnd vor Dir steht und Dich mit seinen kleinen schwarzen Augen von schräg unten bewegungslos anstarrt, weiß ich nicht, wie gerne Du die Hand ausstrecken möchtest, um dem lieben, guten Bear ein kleine Kopfmassage zu verpassen.. Ich brauche meine Hand noch für eine ganze Reihe an Arbeiten in der Zukunft und deshalb bleibt das Tier von mir ungestreichelt.

Zurück in den Hof: Da alle Vier so aussahen, als hätten sie nicht besonders viel zu tun, entschied ich mich, einen zufällig anwesenden Tennisball zu werfen und konnte sogleich zwei Interessierte an meiner Spielidee verzeichnen: Scout und Maggie. Ich finde es wunderbar zu beobachten, wie individuell Tiere auf Wurfobjekte reagieren. Scout beispielsweise gräscht sich in seiner Warteposition so breit wie möglich auf den Asphalt, um im richtigen Zeitpunkt in jede Himmelsrichtung so schnell wie nur möglich lospreschen zu können. Maggie hingegen steht annähernd unverändert und scheinbar unaufgeregt neben mir und wartet konzentriert auf erste Anzeichen meiner Richtungswahl.

Zumeist war Scout der Schnellere. Als jedoch Maggie schließlich den Ball zuerst fasste, gönnte sie sich ein ausgiebiges Knatsch und Quietsch mit dem Tennisball, das von Scout mit tiefem Neid und Missbilligung beobachtet wurde.

Inzwischen robbte auch George langsam aus seiner dunklen Depressions-Hundehütte und legte sich lustlos in Sichtweite des Geschehens. Als der Ball irgendwann per Zufall in seine Richtung dopste, war es dann auch um Hund Nr. 3 geschehen und er vergaß für kurze Zeit sein Verlassensein. Herzhaft riss der Instinkt sein Tier aus der horizontalen Ruheposition und füllte seine Beine augenblicklich prall mit Lebenslust. Mit der Zeit stellt sich jedoch heraus, dass George einen Funken langsamer unterwegs war als der Rest der Bande und seine Reflexe ihm nicht schnell genug passende Bewegungen lieferten, was zu wiederholtem Ballverlust führte. Ich kann mir nur vorstellen, wie sehr dieses Versagen im kompetitiven Ballspiel das schwarze Tier mit Frust gefüllt haben muss. Und genau dieser Frust musste dann natürlich irgendwo abgeladen werden. Und wer oder was eignet sich dazu besser, als jemand, der zu alt oder zu doof ist, sich zu verteidigen? Sammy zum Beispiel.

Vor einigen Tagen erzählte mir Derek eine schöne Geschichte von einem Spaziergang draußen auf den Weiden, bei dem alle fünf Hunde anwesend waren und sich begeistert dem Stöckenwurf-Spiel widmeten. Also, alle außer einem. Sammy stand größtenteils am Rande des Spielfelds, wie das dicke Kind, das zuletzt in die Mannschaft gewählt wird. Aus Mitleid über Sammys Unfähigkeit, jemals zuerst den geworfenen Stock zu erreichen, dachte sich Derek ein spezielles Manöver aus: einen ersten Stock warf er extra weit, um die Rasselbande von einem zweiten, kurz danach geworfenen Stock abzulenken, der mit besonderer Präzision in Sammys Richtung ausgerichtet war und das Ziel besaß, mehr oder minder vor den Füßen des Tieres zu landen, sodass auch Sammy das Stöckchen-Glück genießen könnte. Schöne Intention, leider hakte die Ausführung. Sammy hatte nämlich viel zu spät bemerkt, dass ein Stock zu ihm auf dem Weg war, Viel zu spät bedeutet in diesem Fall, als der Stock mit einem hohlen “Klonk” auf das Haupt des Tieres traf.

Ich bilde mir ein, dass die Folgen dieses Zusammenstoßes noch immer zu sehen sind. Seht her:

Aber nun auch noch ein kurzes Update von unserem Van. Wir machen Fortschritte. Die Fahrerkabine haben wir mittlerweile durch eine selbstgebaute Wand vom hinteren Teil abgetrennt. Die Zutaten dazu stammen stammen — ökologisch korrekt und im Sinne der Nachhaltigkeit — vom Burnpile auf dem Gelände. Nach einigem Abschleifen und Abmessen sitzt die Wand nun bombenfest in ihren Ankern und ist wunderhübsch! Ebenso haben wir mittlerweile zwei neue Fenster in den Van eingebaut, die wir vor guten 3 Monaten aus zweiter Hand von einem deutschen VW-Mechaniker gekauft haben. Sie lassen sich durch eine Kurbel öffnen, besitzen Mosquito-Gitter und sind (zumindest bis jetzt) wasserdicht! Gestern wurden für die Fenster nun auch die Vorhänge fertig. Nach langen Recherchen, wo man kostengünstig eine Nähmaschine leihen kann, spazierte ich gestern Vormittag in ein Stoff-Geschäft in der Stadt, erklärte unsere Lage und erkundigte mich nach diversen Optionen. Kurzerhand holte die Dame hinter dem Tresen eine alte Singer aus ihrem Kabuff und meinte: “You know what, you just take that one. It’s old, but it should work just fine. You can bring it back whenever.” Und so kam ich zu meiner Nähmaschine! Und zu guter letzt haben wir uns dem Äußeren gewidmet, die letzten Rostflecken beseitigt, abgeschliffen, besprayt — und nun glänzt unser Rolfi in schönem, gleichmäßigem Weiss. Parallel zu den ganzen Reparaturen habe ich auch schon an einem Design gearbeitet. Das gibt’s aber dann erst in einigen Wochen, wenn die Uniposca Marker ihr Werk vollbracht haben…

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Comments (1)

  1. Ich genieße es sehr, diese Geschichten und Bilder von euren tierischen Mitbewohnern zu lesen und anzuschauen. Diese “Sozialstudien” und “Charakter-Analysen” von Fred über George bis Sammy sind aufs Grundlegenste heruntergebrochene Blaupausen für die Typenlehre der Menschen. Beobachte deinen Hund und du weißt, wer du bist…oder so ähnlich. Und ich habe es eh schon immer vermutet: Katzen sind auch bloß Menschen…oder eher umgekehrt?