Robertson

Langeweile auf der Weide

Der Zeitpunkt ist gekommen, dass ich einige Beobachtungen und Begegnungen mit der Hauptattratktion der Wallaby Hill Farm mit Euch teilen möchte: den Pferden. Die vergangenen Monate waren von intensiver Landschaftspflege geprägt und der Kontakt mit den Tieren geriet dabei eher ins Hintertreffen. Zumeist beäugte man sich neugierig aus der Ferne, grüßte sich, wenn man aneinander vorbei ging, aber hielt sonst eher Abstand. Das änderte sich erst, als wir mit der äußerst unbeliebten Aufgabe betraut wurden, die unzähligen Koppeln, Wege und Gärten auf der Farm von Unkraut zu befreien…

Mit Handschuhen und Eimer bepackt arbeiteten wir uns mühsam an den Zaungrenzen zwischen Koppeln und Wegen entlang, um den lästigen Unkräutern zumindest versuchsweise das Leben auszuhauchen. War es Mitgefühl, Langeweile oder lediglich Hunger, der die Tiere dazu bewegt hat, uns ein wenig unter die Arme zu greifen und uns das Unkraut abzunehmen? Man weiß es nie so genau, womöglich aber von allem ein wenig. Und so wurde man von Audi, Capone, Rhubarb und Co. gemächlich über die Weide eskortiert, Meter für Meter. Eine bessere Unkraut-Vernichtungsanlage kann man sich glaube ich nicht wünschen.

Viele Stunden unserer Arbeitszeit auf der Wallaby Hill Farm haben wir bereits mit Farbeimer und Pinsel verbracht. Das gesamte Gelände umfasst neben Wäldchen und Wiesen, Scheunen und Tier-Unterständen, Bürogebäude und einer Handvoll Häuser rund 15 Weideflächen, mal größer, mal kleiner, aber allesamt umgeben von Holzzäunen, die mit sogenannter “Anti-Cribbing-Farbe” bepinselt wurden: Farbe also, welche die Pferde idealerweise davon abhalten soll, ihre hölzernen Freiheitsgrenzen abzuknabbern. Will heißen: genussvoll in den Zaun zu beißen, dabei Druck auszuüben und gleichzeitig tief einzuatmen. Warum? Weder Pferd noch Wissenschaft können hierüber mehr Auskunft geben. Auf jeden Fall handelt es sich um eine obsessiv-kompulsive Angewohnheit, deren Ursprung offensichtlich bei Langeweile (hier haben wir sie wieder) oder Stress liegt. Es scheint jedoch als hätten die Erfinder der Cribbing-Farbe bei einem wesentlichen Projektschritt in der Entwicklungsphase geschlafen, denn: sie funktioniert nicht. Bereits nach wenigen Tagen tauchen sogar auf frisch gestrichenen Zäunen suspekte Nagespuren auf…

Die vergangenen Tage verbrachten wir zumeist in Paddock 14, dem neuen, großen Weidegelände, auf dem derzeit Stella und Mable ihr Unwesen treiben:

Es dauert nie lange und die beiden wackeln gemütlich zu uns herüber, stellen sich rechts und links an unsere Seite und schnauben uns ihren warmen Atem stoßweise über die Schulter. Sie tun im Grunde nicht viel, aber das, was sie tun, tun sie mit großer Ausdauer: Dastehen und gucken zum Beispiel. Oder Schnauze und Flanke über den noch farbnassen Zaun schieben. Oder sich mit ihrem ganzen Gewicht gegen den parkenden Quad lehnen. Oder selbigen von oben bis unten mit Speichel einbalsamieren. Oder sich die vertrockneten Blätter aus dem Quad-Anhänger einverleiben. Oder den Gummiüberzug am Lenkergriff abrupfen. Man sieht: sie sind voller Kreativität und Leidenschaft, wenn es darum geht, uns auf den Keks zu gehen.

Wenn uns dann irgendwann der Geduldsfaden reisst und wir des steten Hin- und Her-Rennens zwischen Zaun und Quad überdrüssig geworden sind, müssen WIR kreativ werden. Einfach ist es nämlich nicht, neugierige Pferde loszuwerden. Lautes, verärgertes Rufen oder wiederholte “Fahr zur Hölle”-Gesten bewegen das Tier keinen Millimeter. Klatschen immerhin — so haben wir inzwischen herausgefunden — setzt die Pferdebeine temporär in Bewegung und verlagert deren Standort zumindest um einige Meter vom Geschehen weg. Dort steht das Tier dann einige Sekunden oder Minuten bewegungslos und entrüstet über sein Nicht-Willkommen-Sein, bis es sich schließlich entscheidet, so zu tun, als ob es einfach friedlich weiter grasen würde. Das ist jedoch nur gute Miene zu bösem Spiel, denn es grast nicht einfach nur. Es grast vielmehr in unsere Richtung zurück! Und zwar mit ungesehener Niederträchtigkeit. Zwei, drei, manchmal auch fünf Minuten später steht das Pferd nämlich wieder hinter Dir und blickt Dich mit Augen an, die sagen wollen: “Hoppla, wie bin ich denn nun hier her gekommen?”. Doch die große Erkenntnis kam heute. Was die Pferde nämlich eigentlich wollten war: Mithelfen.

Eine weitere Aufgabe, mit der ich kürzlich betraut wurde, war das umgangssprachlich genannte “Poo Sucking”. Ordnung und Ästhetik werden auf dieser Farm hoch gehandelt — wir sind hier ja schließlich nicht in einer Rinderfabrik oder einer Ranch für Antibiotikahühner. Zudem müssen strenge Vorschriften befolgt werden, wie viel Mist pro Quadratmeter in den Boden gelangen darf. Konkret bedeutet das, dass die Fäkalien der Tiere alle zwei Tage eingesammelt werden müssen. An den Quad wird ein überdimensionaler Staubsauger montiert und damit geht’s dann los über die Koppel. Ich höre meinen Großvater schon sagen: “Und dafür hast Du studiert?!”. Und alles, was mir zu sagen bleibt ist: Ja, denn was es braucht ist ein kleines Stückchen Philosophie, die Fähigkeit seinen Stolz und Hochmut über Bord zu werfen und sich der unverblümten Realität zu widmen.

Aus einer persönlichen wissenschaftlichen Erhebung, die ich an einem meiner Arbeitstage getätigt habe, resultiert, dass ein ausgewachsenes Pferd (auf der Wallaby Hill Farm) pro Tag im Schnitt 18 Haufen Kot fabriziert. Achtzehn.

Parallel zum “Paddock Cleaner”, wie das Gerät offiziell heißt, wird der “Harrower” eingesetzt. Ein überzeugt schwergewichtiges Gespann aus Eisenlatten, das mit Ketten zusammengehalten wird und ebenfalls am Quad befestigt und über die Weide gezogen wird. So werden aus den sehr sichtbaren und unästhetischen Haufen annähernd unsichtbare Schichten an Mist. Auch dieses Gespann finden die Pferde unheimlich interessant…

Und doch kommt auch unsere Zeit hier mal zu einem Ende. Am Donnerstag, den 16. Mai haben die Wallaby Hill Farm verlassen und unseren Van auf die australischen Straßen hinaus manövriert. Nach mehr als drei Monaten zieht uns die Hoffnung auf angenehmeres (will heißen wärmeres) Wetter gen Norden. Etwas schwer um’s Herz ist es mir schon, denn wie alle Orte, an denen man etwas Zeit verbringt, ist es nicht so einfach, sie dann irgendwann wieder zu verlassen. Zumal sie so schön sind, wie dieser…

So schön war es — die holprigen Fahrten mit den Quads über’s sonnige Gelände, vorbei an den grasgrünen Weiden und Eukalyptus-Wäldchen. Die frische Luft, die strahlende, gesättigte Natur, der blaue Himmel mit seinen feinen Schäfchen-Wolken. Die frühen Morgenstunden, wenn die Sonne langsam ihren Weg durch den Nebel findet und der Tau an den Blättern glänzt…

Die unzähligen Stunden im grünen Schuppen, in denen wir an unserem Auto gefeilt haben… (Hierzu bald ein separater Blog-Post, sobald wir wieder unterwegs sind!)

Unsere Dienstage bei Sandra im Flour, Water, Salt in Bowral, bei dem wir immer wieder kleine Köstlichkeiten genießen durften — vom Espresso Chocolate Cake (God you have to try that one!), über die französischen Tartes, die belegten Sauerteigbaguettes oder die perfekten saftigen Chocolate Croissants…


Die meditativen Arbeitseinheiten, in denen wir mit großer Mühe versuchten, der Natur Einhalt zu gebieten (natürlich ohne großen Langzeiterfolg) und Zäune strichen, Blätter zusammenfegten, den Boden lockerten, Mist einsammelten, Unkraut jäteten, Bäume stutzten, Rasen mähten oder Blumen zurückschnitten. Die gemeinsamen Ausflüge und Abendessen mit unseren Kollegen und Chefs, bei denen wir allerhand Geschichten und Anekdoten teilten vom Leben um und an der Farm. Die reichlichen und bereichernden Begegnungen mit Tieren — den Spinnen ausgenommen — die mich immer wieder zum Schmunzeln gebracht haben und mein Herz noch ein kleines bisschen glücklicher gestimmt haben..

Ja, die Hunde hier werden weiterhin umher dümpeln, kauend, schlafend, spielend und wenn der Innenhof mal nichts anderes hergibt eben auch mal einen Stock zu Dritt teilen (sogar mit dem alten Sammy).

Schweren Herzens habe ich Fred in seiner Pappkiste zurückgelassen. Kaum denkbar, wie sehr mir dieser kleine Charakter auf drei Beinen ans Herz gewachsen ist. Doch nach einiger Überlegung werde ich ihn nicht heimlich mit in mein Köfferchen packen und mitnehmen, sondern ihn auf diesem Fleckchen Erde verabschieden. Noch lange werde ich an ihn zurückdenken..

Thank you guys for the past 3 and a half months that you beared with us! We’ll think back to our time at Wallalby Hill Farm as a truly GOOD time and are sure to regret our decision to have left rather sooner than later…

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