Bathurst

Oh Tannenbaum

Ich würde nicht sagen, dass wir den Winter vermisst hätten. Dennoch zog es uns vor gut 2 Wochen in die magisch klingenden Blue Mountains, eine schroffe, wilde und felsige Gebirgskette westlich von Sydney, die sich durch weite Eukalyptuswälder, steile Klippen und verschlafene Dörfchen auszeichnet.

Jeden Tag unserer Reise wurde es ein kleines Stückchen kälter. In jedem Second Hand Shop machten wir Halt, um nach Wollpullovern, Mützen und anderer winterlicher Ausstattung zu forschen, die uns das Leben etwas erträglicher gestalten würde. Insbesondere dann, wenn man ahnt, dass die nächsten Wochen wetterbedingt sicherlich kein Zuckerschlecken werden. Doch passend zum Wintereinbruch in Australien hatten wir uns einen Job bei Spruced ergattert, einer Baumschule für Tannenbäume. Noch hatten wir aber ein paar Tage Zeit und könnten die Reise langsam und gemütlich angehen. So dachten wir zumindest…

Nach der ersten doch sehr frischen Nacht auf dem Weg in die Berge (mit Wollmütze, Pullover und Jogginghose unter der Bettdecke) meinte es das Leben doch wieder einmal gut mit uns. Beim Frühstück im Park mit warmem Beeren-Porridge und kochend heißem Kaffee wurden wir von einer französisch/malaysischen Familie aufgesammelt, die uns zuerst eine Dusche anbot, und schließlich ihr ganzes Haus. “So, hier habt ihr die Schlüssel. Wir sind heute bei Freunden zum Dinner. Macht’s Euch gemütlich und wir sehen uns morgen früh!” So durften wir für einige Stunden aus unserem fahrbaren Kältetrakt ausziehen und stattdessen eine große Küche, ein Badezimmer und die wärmenden Flammen eines Kamins genießen.

Zuvor, am Spätnachmittag, machten wir jedoch einen kleinen Ausflug zu den King Tablelands, einem schmucken Fleckchen Natur gespickt mit massiven schildkrötenpanzerähnlichen Fels-Plateaus, auf dem kniehohe Büsche und Bäumchen wuchsen, allesamt getunkt in orangenes, abendliches Flutlicht. Im fernen Westen ließen sich die blauen Berge erspähen, gen Osten war am Horizont sogar die Skyline von Sydney zu erkennen.

Am Folgetag ging es schließlich weiter ins Inland durch die Blue Mountains hindurch, von denen wir leider wenig mehr als weissen, diesigen Nebel begucken durften. Und da irgendeine erhabene, gottähnliche Kraft dachte, sie müsse unsere Langeweile gütigerweise unterbrechen, vernahmen wir plötzlich ein ungesund klingendes Klacken aus dem Motorraum. So machten wir also in Katoomba Halt und schlugen dort unser Nachtlager neben einem Park auf, wo wir in kaltem, ungemütlichem Nieselregen unter konstant sinkenden Temperaturen die Nacht verbrachten. Ganz wunderbar. Als wir uns am Folgemorgen aus unseren klammen Laken gemüht hatten und die beschlagenen Fenster getrocknet hatten, riefen wir einen mobilen VW-Mechaniker an und baten ihn um Hilfe. Eine Stunde später lag er bereits unter dem Auto und verkündete uns fröhlich, dass es sich bloß um irgendein verhärtetes Öl handelte, das ein bestimmtes Gelenk zum Knacken brachte, wenn das Auto noch nicht warm gelaufen war. (Das ist so viel wie ich wissen muss über die Mechanik eines Autos.) Also kein Grund zur Sorge. Nun läuft unser Transporter wieder wie geschmiert, die Scheibenwischer-Düse funktioniert, die Gangschaltung sitzt perfekt und sogar die Heizung brummt gemütlich vor sich hin! Und ob man’s glaubt oder nicht: Keinen Cent hat er annehmen wollen, der liebe Mensch! Solche Momente hinterlassen stets ein Staunen in mir über die Großzügigkeit und die Hilfsbereitschaft mancher Leute, wenn sie sehen, dass man Hilfe benötigt…

In Bathurst angekommen führte unser erster Gang in den Supermarkt, wo wir uns einen kleinen, aber feinen Heizer zulegten, der uns in den kommenden Nächten begleiten sollte. Wer schon mal bei miesem Wetter campen war — egal ob in Zelt oder Camper — weiß, wie ungemütlich eine Behausung ist, die von Stunde zu Stunde feuchter und klammer wird. Und wenn sogar das Wasser in der Trinkflasche gefroren ist, weiß man, dass eine Grenze erreicht ist…

In meinem Geist habe ich mich bereits auf alles mögliche vorbereitet. Schließlich hört man allerlei Geschichten über wenig erfreuliche Backpacker-Jobs oder ausserordentlich deftige Arbeitsbedingungen. Doch auch dieses Mal wurde uns dieses Los erspart. Um 9 Uhr früh trafen wir unseren Chef, Lawrence, einen jungen, gut gelaunten Kerl, der uns zu einem seiner beiden Stückchen Land brachte, auf dem er vor einigen Jahren ein Tree Nursery Projekt gestartet hatte. Eine Bandbreite an verschiedenen Tannen und Fichten, darunter die deutsche Nordmanntanne, aber auch amerikanische und einheimische Nadelbäume, auf den Hügeln rund um den alten, blauen Schiffscontainer verteilt, der derzeit zu einem Zweitwohnsitz ausgebaut wird. Gemeinsam mit Papa David wurden am Vormittag einige Setzlinge aus ihren Töpfen in die freie Natur gepflanzt, am Nachmittag ging’s dann an den Weiterausbau des Containers. Wände wurden isoliert, Deckenpanele installiert und in Kürze soll auch der Kamin einen Platz darin finden, die Küchentheke und ein kleines Wohnzimmer.

Die Nächte verbrachten wir an einer Raststation mit — welch Glück — heißen Duschen und Stromanschluss, die uns aber dennoch nicht zu besonderem Komfort verhalfen…

Geldsparen hin oder her: Wenn man sich nach einem langen, harten Arbeitstag noch nicht einmal auf ein warmes Bett und ein bisschen Gemütlichkeit freuen kann, wo bleibt man dann?! Nach einiger Recherche fiel unsere Wahl auf ein airbnb am Rande von Bathurst. Und so fanden wir unseren Weg zum Zuhause von Victoria und Paul. Dort erwartete uns ein großes, kuschliges Bett (darauf drapiert fanden wir zur Begrüßung eine schwarze, dekorative Katze — eine von insgesamt Dreien) und eine heiße Suppe zum Aufwärmen. Überflüssig zu sagen: Nicht eine Sekunde bereuten wir unsere Entscheidung…

Und so vergingen unsere Tage. An einem Tag pflanzten wir neue Bäume entlang der Hügel im 1200m über dem Meeresspiegel gelegenen Yetholme, an einem anderen halfen wir Lawrence auf seinem Wohngrundstück in Black Springs Zäune abzureissen und Bäume zu fällen. Und das stets mit der glühenden Vorfreude auf ein warmes Zuhause. Wie sehr man doch in solchen Zeiten die einfachen Dinge zu schätzen lernt…

Und obwohl es für unsere Begriffe um einige Stufen zu kalt ist — schön ist diese Gegend in der Tat! Wo man nur hinsieht sanfte Hügel, auf denen eine Handvoll Rinder grast oder eine Schafherde ihre Kreise zieht, hier und da ein Baum oder Busch, ein heruntergekommener Blech-Schuppen, ein metallenes Windrad — so wie man es aus den alten amerikanischen Filmen kennt, oder ein kleiner See. Und alles getaucht in dichten Nebel oder strahlende Sonne. Und manchmal sogar beides.

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