Bathurst

Top Shelf Bogans

Ein freier Tag in unserer 6-Tage-Woche, den wir für einen ausgiebigen Spaziergang im nahe gelegenen Wambool Reserve nutzten.

Dort wanderten wir einige Stunden durch die schmucken Eukalyptus-Wälder und erspähten sogar einen Fuchs (Wo ist Walter — äh, der Fuchs; Foto 3) und eine Gruppe scheuer Kängurus, die schwungvoll durch’s Unterholz bretterten.

Viel zu sehen gibt es in diesem Teil des Landes nicht. Schafe, Rinder, Straßen, Bäume, Seen, Scheunen. Landleben. Einfache Dinge eben. Aber die besten sind doch eben die…

Am frühen Morgen auf dem Weg zur Arbeit, einem 8-Stunden-Tag voller Weihnachtsbäume, die in die Freiheit ent-topft werden, fuhren wir zumeist durch einen dicken, grauen Nebel, durch den sich langsam das Sonnenlicht bahnte..

Ich kann es leider nicht oft genug sagen: Die Landschaft hier rund um Bathurst am Fuße der Blue Mountains ist einfach entzückend. Sogar im Winter.

Als wir vor einigen Wochen durch die Türen unseres neuen airbnbs von Victoria und Paul am Rande Bathursts schlüpften, war uns noch nicht bewusst, dass wir berüchtigtes “Bogan”-Revier betraten. Zur Begriffsklärung möchte ich hier gerne die wichtigsten Merkmale für Euch zusammenfassen: Bogans sind (laut urban dictionary) ungehobelte, primitive Personen von niedrigem sozialem Status mit ebenso schäbigem Vokabular, die in heruntergekommenen Hütten wohnen und entweder einen Ford oder Holden fahren. Männchen der Gattung tragen oft zerropfte Flannell-Hemden, abgegriffene Jeans und dass der letzte Termin beim Zahnarzt auch schon eine Weile überfällig ist lässt sich an den Zahnlücken abrechnen. Sie sind von Grund auf soziale, gesellige Wesen mit einem überufernden Interesse für Motorsport, der flammend mit der restlichen Bogan-Bande im örtlichen Pub diskutiert wird. Die bevorzugte Frisur entstammt den 80er Jahren und ist gemeinhin als Vokuhila bekannt. Weibchen sind zumeist an ihrer mindestens 6-köpfigen rotznäsigen Brut zu erkennen, mit der sie durch die Gänge des Shopping-Centers navigieren und die sie mit schrillen Anweisungen und Beschimpfungen maßregeln.

So das Klischee. Doch macht die Evolution auch hier keine Pause und so hat sich in den letzten 10 Jahren ein neues Phänomen im australischen Hinterland entwickelt: der middle class bogan oder gar der upper middle class bogan, eine zunehmend zivilisierte Form der eben erläuterten Spezies. Und genau dort sind wir gelandet.

Spaß beiseite: Victoria und Paul waren zwei der aufgeschlossensten, interessiertesten und aufrichtigsten Menschen, denen wir in Australien begegnen sollten. Der bogan-ische Hintergrund war jedoch nicht zu verkennen: Auch sie sind leidenschaftliche Automobil-Fans und leiten einen betriebsamen Automotive Club in Bathurst. Auch sie leben auf einem großen Grundstück mit einer kolossalen Unmenge an Sammelgut, das über den ganzen Hinterhof verteilt liegt. So etwa eine gute Handvoll alter, rostiger Autos, Trucks, Spielautomaten, Fahrräder, Trailer, Öfen, Stühle, Leitern, Traktoren, und so weiter, und so fort. Bewohnt wird das Gelände von zwei Maremmen-Schäferhunden, die das Gerümpel bewachen.

Ebenso leben drei charakterstarke Katzen mal mehr, mal weniger friedvoll in den Räumlichkeiten des Hauses: Kater Tom, der seinem Kontrahenten Barney gerne mal eins überbrät, wenn ihm dieser gerade in die Quere gerät (welch hübscher Reim). Barney, der uns eines Morgens mit einem erstrangig auseinanderklabüsterten Vogel den Morgen versüßte (Kopf hier, Flügel daneben, Rumpf dort drüben, restliche Federn überall). Und dann war da noch Cleo, die schwarze Plüsch-Katze, die stets heimlich in unser Schlafgemach kroch, um dort Kuschel-Einheiten mit uns zu initiieren.

Glücklicher hätten wir nicht sein können: Nach dem 4.763 gepflanzten Tannenbaum konnten wir bei Victoria und Paul erschöpft auf’s Sofa fallen, um unseren Geist mit einer Ladung kommerzieller Unterhaltung zu bespielen oder in der geräumigen Küche ein üppiges Abendessen zu zaubern. Stets hatten wir die Wahl zwischen Privatsphäre und guter Gemeinschaft, wobei die Wahl trotz körperlicher Erlahmung oft auf letzteres fiel. Und so vergingen die Tage mit belebten Gesprächen, gutem Essen und kleinen, feinen Ausflügen in die Umgebung.

An einem unserer freien Tage fuhr Victoria stolz ihr BMW 325I Cabrio aus der Garage und verkündete: “Today it’s Mount Panorama.” Dick eingepackt in Jacke, Schal und Mütze erwartete uns ein erfrischender Ausflug auf eine der bekanntesten Rennstrecken Australiens. Was muss, das muss.

Ein glücklicher Abend mit unserer Top-Shelf-Bogan-Family! Nach einem gemütlichen Spaziergang über das Winter Festival in Bathurst und einem ausgiebigen Dinner mit selbstgemachter deutsch-italienischer-australischer Pizza, fielen wir erschöpft und glücklich in unser Bett, in dem uns bereits unser schwarzes Flausch erwartete…

Doch Halt. Für all die, die sich in ihrem Leben noch keine typisch australische Pizza einverleiben durften oder mussten hier eine bündige Zusammenfassung / Anleitung. Gleich vorweg: Für Organisations-Fanatiker ist die australische Pizza leider nichts, denn eine strukturierte Planung mit Voraussicht ist weder nötig noch gewünscht. All das alte Zeugs, das Du in Restbeständen von Deinen Kühlschrank-Wänden absammeln kannst, eignet sich hervorragend für eine typisch australische Pizza. Auf den Teig wird zu allererst eine reichliche Schicht BBQ-Sauce aufgetragen, auf welcher sich dann etwa Schinken von vorgestern, ausgetrocknete Kürbis-Würfel, pflegebedürftige Paprika-Streifen, ladderige Pilze, ein verquirltes Ei, bröseliger Mozarella und grenzwertige Jalapeno niederlassen dürfen. Grundsätzlich ist aber alles erlaubt, was einem gerade so zwischen die Finger gerät. Lediglich eine abschließende Regel ist einzuhalten: Und zwar wird das Gaumen-Meisterwerk zum Finale mit einigen Stücken zuckrig pappiger Ananas-Scheibchen gespickt, die auch die letzten deiner sowieso schon überreizten Geschmacksnerven über den Haufen schießen werden. Guten Appetit!

Folgendes Foto entstand nach dem allerletzten aller Arbeitstage bei Spruced, nach ungefähr 3 Bieren oder 2 Gläsern Wein (so genau erinnere ich mich nicht mehr). Auch Lawrence und Papa David waren nach einem Tag Bäumchen pflanzen auch ziemlich gebeutelt und bereit für ein Getränk.

So, und nun geht es zurück nach Sydney, die geschäftige Großstadt, in der wir hoffen, unseren geliebten Van zu verkaufen. Bereits in den vergangenen Wochen haben wir uns auf den Verkauf vorbereitet, beratschlagt, für wie viele Taler wir unser Werk auf vier Rädern verkaufen können und die Anzeige prominent auf Gumtree und diversen Facebook-Gruppen der Öffentlichkeit präsentiert. Vor wenigen Tagen erhielten wir eine Tausch-Anfrage: “Hey guys, how about you give us your van and we give you a 25ft yacht?” Und nein, überraschenderweise war das kein Scherz. Nette Ideen haben sie ja, die Australier, aber ein Schiff können wir nun derzeit wirklich nicht gebrauchen. Womöglich sollten wir explizit darauf hinweisen, dass wir auch nicht auf verlockende Tauschangebote wie “unser Van für 3 Ziegen und 2 Fahrräder” eingehen werden…

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